Zur Erinnerung

Vorwort von Martin Schliessler zum Battertführer von Rolf Gundermann

 

Immer neu und geheimnisvoll zeigen sich, im Wandel der Jahreszeiten, die Felstürme und Wandfluchten, die Geröllhalden, in denen von Wind und Wetter gezeichnete Bäume um ihre Existenz ringen. Man muß, um den Zauber der Battertfelsen ganz zu erleben, auch bei Nebel und Regen kommen ? auch alleine ? muß dem Rauschen der Tannen lauschen, dem Sturm, der durch Schluchten und um die Grate heult, muß bei Neuschnee die Stufen des Felsenweges suchen, um die Höhe zu erreichen, von wo der Blick weit über den Schwarzwald nach Süden fällt in Richtung der Alpen. ? Unvergessen bleiben die Nächte, in denen der Mond mit seinem Licht die Felsen zu neuen Formen verwandelt und die Tage im Sonnenlicht, in denen es uns vergönnt war, klettern zu dürfen.

Viele Teile der Erde konnte ich sehen, der Blick von den Battertfelsen jedoch, über Baden-Baden, über die dunklen Berge hinaus zur lichten Rheinebene, gehörte zum Schönsten, was mir Welt zu bieten hatte. Nach über 40 Jahren verspüre ich noch immer die gleiche Zuneigung und Bewunderung zu diesem kleinen und doch so eindrucksvollen Naturwunder, und so freue ich mich, dieses Vorwort schreiben zu dürfen, auch in Dankbarkeit gegenüber meinen älteren und jüngeren Kameraden, die sich mit mir am Seil vebanden.

Es ist mir klar, daß es sehr schwierig sein wird, durch meine sehr enge Verbundenheit zu dem Felsengebiet des Batterts nicht in ein unangemessenes Schwärmen zu fallen und damit dem noch Fremden als nicht objektiv zu erscheinen. Diese subjektive Betrachtungsweise führt auf den Ursprung des Alpinismus. Die Freude am Bergsteigen und Klettern, das jeweils empfundene Glück oder die Sehnsucht danach stehen in engem Zusammenhang mit der eigenen Erlebnisfähigkeit. So manch ein Spaziergänger, der vom Felsenweg aus einen Kletterer in senkrechter Wand beobachtet, wie er sich Meter um Meter manchmal auch nur Zentimeter langsam empor müht, wendet sich kopfschüttelnd ab, ohne auch nur das geringste Verständnis für diese, in seinen Augen so nutzlose und waghalsige Tätigkeit aufbringen zu können. Für uns aber war das Klettern die schönste Bestätigung, die wir finden konnten.

So reizvoll es wäre, die Gedanken über die Beweggründe der Bergsteiger ausführlich zu schildern, es wird ohnehin am Ende die Erkenntnis bleiben, daß jeder Mensch nach Art seiner Veranlagung in Verbindung mit Begegnungen und Anstößen seinen Lebensweg zu gehen hat. Und wenn die Battertfelsen so manchem unserer Freunde zum Schicksal wurden ? ihr Dasein sich dort erfüllte, wo sie ihre Höhen suchten ? und ihre Grenzen fanden, verblieb neben der Trauer um den Verlust doch nie das Gefühl eines sinnlosen Geschehens. Bergsteigen bedeutet, Freude am Leben haben, kein gedankenloses Leben aufs Spiel setzen, es ist ein dauerndes Leben neu gewinnen.

In diesem Kletterführer werden in nüchternen Worten sehr verschiedene schwierige Bergtouren beschrieben, Seillängen im Fels durch Wände mit Rissen, Kaminen und Verschneidungen, über Grate und Kanten. Es sind Seillängen, wie sie ähnlich gegliedert auch im Hochgebirge zu bewältigen sind, um einen Gipfel zu erreichen. So sind auch die Anforderunge je nach Schwierigkeitsgrad und Zahl der gegangenen Höhenmeter den alpinen Bedingungen vergleichbar. ?

Wenn auch in den großen und hohen Gebirgen noch andere Gefahren hinzukommen wie Wetterstürze, Orientierungsschwierigkeiten, Lawinen, Gletscherspalten usw., so lassen sich doch am Battert das Felsklettern und die Sicherungsmethoden bis nahe zur Vollendung lernen. Dabei bleibt zu bedenken, daß jede Gesteinsart eine gewisse Umstellung erfordert, mit der erfahrungsgemäß die begabten und gut trainierten Kletterer relativ bald zurechtkommen, was schon dadurch bewiesen ist, daß über die gesamte Zeitdauer von rund 100 Jahren, in denen an den Batterfelsen geklettert wird, immer Seilschaften, die dort geübt haben, auch fähig waren, im Hochgebirge schwierigste Wände zu ersteigen und auch bedeutende Erstbesteigungen durchzuführen.

Unter den Namen, die in den Gipfelbüchern des Battert eingetragen sind, befinden sich auch eine ganze Reihe Bergsteiger, die in der alpinen Literatur gewürdigt wurden oder gewürdigt werden sollten.

Besonders eindrucksvoll ist die Anhänglichkeit, mit der so mancher, der in seiner frühen Jugend zu den Felsen kam, immer wieder zurückkehrt und die Freude am rauhen Urgestein findet und auch immer neu die Landschaft bewundert.

Viele Freunde und Kameraden, die sich um die Erstbesteigung und Betreuung des Battert verdient gemacht haben, möchte ich würdigen. Wenn ich hier nur stellvertretend Marianne und Eugen Fischer nenne, dann deshalb, weil sie seit nahezu 60 Jahren und auch heute noch vorbildlich schwere Klettereien meistern. Sie beweisen damit, daß man beim Bergsteigen nicht nur im Herzen jung und gesund bleiben kann. Sie jedenfalls waren mir vor 40 Jahren Vorbild und sie sind es bis heute geblieben. Die gewonnene Erfahrung, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde, schuf eine Tradition, die Wert ist, aucb in Zukunft gewahrt zu bleibeh.

Die Felsen, in denen die Grenze des jeweils möglichen Schwierigkeitsgrades von den Besten immer höher und höher gelegt wurde, waren nie als sportliches Gerüst für Turnübungen angesehen worden. Die unendliche Vielfalt natürlicher Gesteinsformationen von Vulkanen, Erdbeben, Frost und Sturm geformt, regte unsere Fantasie an, ließ uns von Ferne träumen.

Es wäre schön, wenn dieser Kletterführer dazu betragen könnte, daß es noch lange so bliebe

Martin Schliessler
Baden-Baden, im Februar 1985